#WritingFriday KW 33 – Eine zeitnahe Geschichte

img_4522

Writing Friday

 

Seit zwei Tagen war meine Armbanduhr defekt. Dies allein wäre ja keine großes Drama gewesen, wenn – ja wenn es sich hierbei nicht um meine Lieblingsuhr ein Familienerbstück – gehandelt hätte und ich nicht gerade einige hundert Kilometer weit weg von zu Hause gewesen wäre. Außerdem war ich sowieso immer im Stress und der ständige Blick auf meinen defekten Chronometer ein zusätzliches Ärgernis. Mit diesen ganzen Fachtagungen, Mandantengesprächen, den lästigen Schreib- und Verwaltungsarbeiten im Büro, der Urlaubsvertretung der Kollegen und vor allem den etlichen Gerichtsterminen – hiervon sogar oft zwei parallel – war ich mehr als ausgelastet. Nun hatte ich mir seit vielen Monaten endlich einmal drei Tage Auszeit gegönnt, doch spätestens übermorgen würde ich meine Uhr wieder ständig im Blick haben müssen.

Auf der Suche nach meinen Wurzeln war ich in die Stadt gereist, in der meine Großeltern vor rund 90 Jahren geboren wurden und in die sie nach den Wirren des Krieges zeitlebens nicht zurückgekehrt waren. Die Recherchen hatten ergeben, dass sie zuletzt hier auf der Krämerbrücke im Haus Nummer 31 gelebt hatten. Nur leider war auf der ganzen Brücke eine solche Hausnummer nicht vorhanden. Ich war die gesamte Brücke bereits zweimal abgegangen, hatte in 3 Geschäften nachgefragt und war dennoch keinen Schritt weiter gekommen. So einfach würde es also nicht werden.

Die bereits im 16 Jahrhundert neu erbaute Brücke hatte ein steinernes Fundament, zu beiden Seiten schön restaurierte Fachwerkhäuser inmitten derer ein gepflastertes Sträßchen verlief dessen Benutzung mit dem PKW verboten war. Selbst für den Lieferverkehr brauchte man eine Sondergenehmigung. Die alten Häuser beinhalteten im Erdgeschoss kleine Ladengeschäfte mit teils wunderschöner Auslage; die oberen beiden Etagen wurden anscheinend als Wohnraum und Lager genutzt. Es gab allerlei Kunsthandwerk, zwei kleine Cafès, einen verlockend duftenden Blumenladen, einen Antiquitätenhändler, eine urige Handwerksbäckerei und letztendlich noch diesen schummrigen alten Laden über dessen Türbogen in verblichenen Lettern Uhren Schneider zu lesen war.

Die Tür öffnete weit schwerer als erwartet. Im Laden war es schummrig, die alten Schaufenster ließen nur wenig Licht hinein. Die einzige anderweitige Lichtquelle war eine kleine Stehlampe zwischen einer Art Tresen und einer großen Werkbank mit allerlei seltsamen Apparaturen, deren Zweck sich mir nicht erschloss und die mit einer dicken Staubschicht überzogen waren. Aufgrund der spärlichen Lichtverhältnisse hätte ich beinahe den verhutzelten Greis, der reglos auf seinem Holzstuhl in der Ecke saß, nicht bemerkt.

Hrrhm“ räusperte ich mich, trat nach vorne an den Tresen und erntete: Keine Reaktion. Ich räusperte mich erneut, diesmal etwas energischer. 

Der Alte fuhr hoch: „Ein Hustenbonbon? Vielleicht einen Schluck Wasser, der Herr?“

Ich verneinte verdutzt ob der plötzlichen Reaktion.

Kann ich sonst irgendwie behilflich sein?“, keuchte er während er sich langsam, den rechten Arm auf der Werkbank abstützend, erhob.

Sehen Sie, ich habe da diese defekte Uhr an der mir sehr gele…“

Ahh ja, ein zeitlos schönes Stück“, unterbrach er mich. „Zwar schon etwas betagter, aber mit geringem Aufwand zweifellos wieder gut in Schuss“, fuhr er fort.

Ich stutze: „Meinen Sie, Sie können sie wieder richten?“ fragte ich, während ich leicht nervös am Ziffernblatt nestelte.

Gewiss!“, lächelte er vielsagend.

Als ich aus dem Laden trat brauchte ich einen Moment um durchzuschnaufen. Mit dem Alten hatte ich, nach einer kurzen Erklärung meiner Situation, vereinbart, dass er sich die Uhr gleich einmal anschauen würde und ich in zwei Stunden erneut vorbeikommen sollte um sie hoffentlich in gewohnter Funktionalität wieder abholen zu können. Zur besseren zeitlichen Orientierung gab er mir stattdessen lächelnd eine leichte und etwas billig wirkende Taschenuhr mit, deren Gehäuse bereits mit etlichen Kratzern versehen war. Da ich in meinem Hauptanliegen gerade sowieso nicht weiter kam, beschloss ich einen Kaffee trinken zu gehen. Ich wandte mich also nach links und schlenderte auf der Brücke in Richtung Marktplatz.

Bereits nach wenigen Metern meinte ich ein Geräusch direkt hinter mir zu hören. Ich drehte mich um und sah – nichts. Doch kurz darauf schon wieder. Da war doch was. Ich beschleunigte meinen Schritt kurz, nur um direkt danach auf Höhe eines Schaufensters wieder langsamer zu werden. Verstohlen schaute ich leicht schräg in die Scheibe und konzentrierte mich auf das Spiegelbild. Tatsächlich! Ruckartig drehte ich mich um und sah direkt in das Gesicht eines Knaben von ca. zehn Jahren der wie aus der Zeit gefallen schien. Er trug eine braune Lederhose, ein weißes Hemd eingerahmt von ebenfalls braunen Hosenträgern, die Hemdsärmel bis zum Ellenbogen hochgekrempelt und auf dem Kopf eine schmutzige, etwas zu große, graue Baskenmütze. Als unsere Blicke sich trafen lächelte er schief, tippte sich mit dem rechten Zeigefinger zweimal an die Stelle des vorderen linken Unterarms an der man für gewöhnlich seine Armbanduhr trägt, danach noch einmal kurz an seine Mütze und rannte wie von der Tarantel gestochen los. Verdutzt blickte ich ihm hinterher bis er nach wenigen Metern am Ende der Brücke hinter der nächsten Häuserecke verschwunden war.

Die große Tasse frisch gebrühten Kaffees war eine wahre Wohltat. Als die Bedienung mir schließlich noch das Stück Himbeer-Käsekuchen brachte zu dem ich nicht hatte nein sagen können, bemerkte ich zum ersten Mal den Anzugträger drei Tische weiter der mich mit starrem Blick fixiert hatte. In ihm lag etwas merkwürdiges das ich nicht zu deuten vermochte. Nicht direkt boshaft oder furchteinflößend, aber stetig musternd mit ab und an aufflackerndem Argwohn in seinen dunkelschwarzen Pupillen. Ich zwang mich mehrmals wegzusehen, nur um Sekunden später wieder zu prüfen ob er immer noch herüber stierte und jedes Mal hafteten seine Augen immer noch an mir und hielten mich mit leicht mulmigem Gefühl ob der Ungewissheit wieder gefangen.

Gerade als ich meinen Mut zusammengenommen und beschlossen hatte ihn auf sein Starren anzusprechen klingelte mein Mobiltelefon. Ich schreckte hoch, nestelte an meiner Tasche und meldete mich schließlich leicht verwirrt: „Paulus?“ Doch da signalisierte mir ein wiederkehrendes, vertrautes Hupen bereits, dass am anderen Ende der Leitung aufgelegt worden war. Ich verstaute genervt mein Handy wieder in der Tasche, blickte auf und sah nur wenige Zentimeter vor mir  direkt auf einen großen Stresemann in dem eine durchaus beeindruckende Statur steckte. Ich erschrak. Der starrende Anzugträger stand direkt vor mir.

Werter Herr, ob Sie mir eventuell mit der Uhrzeit aushelfen könnten?“, sprach er mich mit rauer Stimme aber freundlichem Ton an. Ich fingerte wortlos nach der Kette der mir eben überlassenen Taschenuhr. Verflixt, jetzt klemmte auch noch das Gehäuse. Nur widerwillig senkte ich den Blick von meinem Gegenüber hinunter auf die Uhr um zu sehen wie ich an das Ziffernblatt kam. Je schneller ich diesen Typen los wurde, desto besser dachte ich mir. Mit beiden Händen und sanfter Gewalt öffnete ich das Gehäuse und sah, dass die Zeiger völlig verrückt spielten. Als würde man die Nadel eines Kompasses mit einem Magneten manipulieren. Das war doch zu ärgerlich. Genau den selben Defekt hatte auch mein geliebter Chronometer. Ich wollte mich gerade wieder entschuldigend an den Stresemann wenden – Doch der merkwürdige Herr, welcher eben noch vor mir stand war plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Ich begann an meinem Verstand zu zweifeln. Was war das nur für ein seltsamer Tag?

Aufgewühlt, ärgerlich wegen der ebenfalls defekten Taschenuhr und weil mir sowieso mittlerweile jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen war, ging ich zurück zu dem alten Uhrmacher. Aber der muffige Laden war dunkel und völlig verlassen. Nichts deutete daraufhin, dass hier eben noch das alte Männlein meine Uhr zur Reparatur angenommen hatte. Ich durchschritt den Laden und fand zwischen der zentimeterdicken Staubschicht auf dem Tresen meine geliebte Armbanduhr nebst einer Notiz und einer handgeschriebenen Rechnung:

Ihre Uhr funktioniert einwandfrei. Sie haben lediglich die Zeit vergessen.


 Uhren Schneider 
 Inh. H. W. Paulus
 Krämerbrücke 31, Kreutzach

 Betrag:             0,00 RM

 Vielen Dank für Ihren Auftrag. 

Ein kurzer Blick auf meinen Chronometer verriet mir: Es war fünf vor zwölf.

 

 

 

 

Advertisements

#WritingFriday KW 31 – Wie Luna ihr Glück fand

img_4522WritingFriday


Luna war so verliebt

aber niemand hätte damit gerechnet,

dass ihr einmal das Glück obliegt;

sie in den siebten Himmel fliegt.

Denn Nacht für Nacht am Firmament

erschien sie treu und pflichtbewusst,

gab Acht dass jedes Kind erkennt:

In Träumen ist man nicht gehemmt.

Auch wenn man sie des Nachts einmal,

infolge dichter Wolkenwatte,

nicht durch das Fenster schimmern sah,

so war sie fraglos dennoch da.

Allein sie selbst in diesen Stunden

litt an der Pein der Einsamkeit.

Und so begann sie unumwunden

sich nach der Freiheit zu erkunden.

Nun, Leine ziehen war schlicht unmöglich,

auch Feste auszurichten

und gleichwohl war Gesellschaft nötig –

die Sehnsucht einfach schrecklich krötig.

Sie liebte doch die Zweisamkeit

und war nie gern allein,

doch leider war halt weit und breit

nicht Einer da zur Freud.

Überraschend kam ihr in den Sinn,

wie man sich könnt‘ behelfen.

Wie blind ich doch gewesen bin,“

sprach sie und glitt dahin.

Sie glitt in einen sanften Traum,

die Äuglein fest verschlossen.

Ihr Herz, ich weiß ihr glaubt es kaum,

begann allmählich aufzutau‘n.

Und so geschah was niemand dachte,

dass Luna ihre Liebe fand.

Nicht mehr nur über and‘re wachte,

das eig‘ne Gold in Träumen machte.

Nur manchmal noch, da spähte sie,

ganz kurz herab zur Erde,

nur um zu prüfen ob und wie

ihr alle führt die Nachtregie.